Übersicht
1. Buchdaten
Titel: So finster die Nacht
Originaltitel: Låt den rätte komma in
Autor: John Ajvide Lindqvist © 2004
Erscheinungsjahr/Verlag der deutschen Übersetzung: © 2007 Verlagsgruppe Lübbe GmbH & Co KG
Sprache: deutsche Übersetzung (Originalsprache: Schwedisch)
Seitenanzahl: 637 (Taschenbuch)
Genre: Horror, Thriller
Wo ist das Buch erhältlich? Als Ebook und Hörbuch ist die deutsche Übersetzung im regulären Buchhandel erhältlich, das Taschenbuch scheint es auf Deutsch nur noch gebraucht zu geben.
Auf der Website phantastik-couch.de siehst du das Cover meiner Ausgabe (Aber Achtung: Die Renzension auf der Website enthält Spoiler): https://www.phantastik-couch.de/titel/5622-so-finster-die-nacht/
2. Kurzinhalt
Der zwölfjährige Aussenseiter Oskar verliebt sich in die neu in seinen Wohnblick gezogene, gleichaltrige Eli, nichts ahnend, dass sie ein Vampir ist, der hinter den Morden in der Nachbarschaft steckt.
3. Meine Meinung zum Buch
Die gleichnamige schwedische Verfilmung von Tomas Alfredson aus 2008 zählt zu meinen liebsten Vampirfilmen. Dementsprechend hoch waren meine Erwartungen an das Buch. Zu 100% erfüllt, wurden sie leider nicht.
Die Geschichte wird in der dritten Person aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt, teils auch auktorial. In den meisten Fällen wird zumindest für die Dauer der jeweiligen Szene die Perspektive eingehalten, zwischendurch gibt es auch innerhalb einer Szene Perspektivenwechsel. Lindqvist beschränkt sich bei den Perspektiven nicht auf die Haupt- und wichtigsten Nebenfiguren, sondern wählt teilweise auch die Sicht von unbedeutenden Nebenfiguren, die nur in ein, zwei Szenen vorkommen. In einem Fall gibt es sogar den POV eines Eichhörnchens. Auch wenn die Szene humorvoll ist, kann ich den Mehrwert der tierischen Perspektive für die Geschichte nicht erkennen.
Lindqvist wartet nicht nur mit einer Vielzahl unterschiedlicher Charaktere und Perspektiven auf, sondern auch mit einer Vielzahl von Nebenhandlungen, die für den Haupthandlungsstrang teilweise nicht relevant sind. Meiner Meinung nach hätte der Autor eine Vielzahl der Nebenhandlungsstränge und Charaktere zusammenfassen oder ganz streichen können, ohne dass es sich negativ auf die Geschichte ausgewirkt hätte. Ganz im Gegenteil: Die vielen Nebenhandlungen und Einblicke in die Gedanken und Gefühle teils irrelevanter Figuren bremsen das Erzähltempo. Auch die Dialoge sind teilweise mit Banalitäten und alltäglichen Ausführungen unnötig aufgebläht. Die Folge ist, dass das Buch nicht so spannend ist, wie ich – insbesondere aufgrund der Genre-Einordnung als “Thriller” – erhofft hatte. Gegen Ende des Buches reduziert sich die Anzahl der unterschiedlichen Perspektiven und Nebenhandlungen zum Glück, was zu einer drastischen Steigerung der Spannung führt. Im Finale kommt sogar richtig Horror-Feeling auf.
Die zarte Liebesgeschichte, die sich langsam zwischen Oskar und Eli anbahnt, ist sehr gefühlvoll geschrieben und steht in starkem Kontrast zu den restlichen Geschehnissen des Buches. Gerade diese Gegensätzlichkeit macht den Charme der Geschichte aus. Die kindliche Unschuld der Beziehung zwischen den beiden, wie Oskar durch Eli an Selbstbewusstsein erlangt und Eli umgekehrt wieder Kind sein kann, ist sehr berührend beschrieben. Gerne hätte ich mehr über die beiden gelesen. Vor allem Eli kommt mir im Buch ein bisschen zu kurz. In einem 250-Seiten-Roman hätte ich akzeptiert, dass kein Platz ist, um Elis Hintergrundgeschichte näher zu beleuchten. Doch wir sprechen hier von einem 600-Seiten-Wälzer. Leider werden viele dieser Seiten nicht dazu verwendet, die Hauptgeschichte um Eli, Håkan und Oskar zu vertiefen, sondern für Nebenhandlungen, Nebencharaktere und Nebensächlichkeiten in Dialogen.
Wie im Film brodelt die Gewalt auch im Buch über weite Strecken eher unter der Oberfläche, wenn sie jedoch hervorbricht, dann mit ordentlich Krawall. Die paar Gewaltszenen, die über die 600 Seiten verstreut sind, sind hart, intensiv und explizit, die nüchterne Erzählweise von Lindqvist verstärkt sie noch weiter. Er stellt Gewalt so dar, wie sie ist: grausam. Und er sorgt mit seiner Erzählweise dafür, dass man als Leser:in so richtig mitleidet und ein paar Szenen lange im Gedächtnis bleiben.
Das Bild, das der Autor von der Gesellschaft zeichnet, ist generell sehr trostlos: Alkoholmissbrauch, Mobbing, häusliche Gewalt, Kriminalität, Armut, Menschen ohne Zukunftsperspektiven, etc.
Ein moralisches Tabuthema, das im Buch eine wesentliche Rolle spielt, ist Pädophilie. Die Thematik wird nicht verharmlost und schon gar nicht romantisiert, aber sie kommt vor, ist teils sehr unangenehm zu lesen, wirft ebenso unangenehme Fragen über die zukünftige Entwicklung der Beziehung zwischen Eli und Oskar auf und spricht mutig eine Problematik um Kindervampire an, vor denen viele andere Bücher und Filme, in denen Kindervampire vorkommen, die Augen verschließen.
Was mir gut gefällt ist, wie Lindqvist immer wieder gesellschaftskritische Anspielungen in die Geschichte einbringt. Auch ein paar interessante, schon fast philosophische Überlegungen, finden vereinzelt Einzug. Die “wissenschaftlichen” Erklärungen zum Ursprung von Vampirismus fand ich hingegen weniger gelungen.
An den Schreibstil musste ich mich anfangs gewöhnen und vereinzelte Formulierungen fand ich gewöhnungsbedürftig. Ob die Wahl der Formulierungen auf den Originaltext zurückzuführen ist oder ein Problem der deutschen Übersetzung ist, kann ich mangels Kenntnis des schwedischen Originals nicht beurteilen. Insbesondere Elis biologisches Geschlecht scheint den deutschen Übersetzer zwischendurch vor Herausforderungen gestellt zu haben. Ein paar der deutschen Formulierungen habe ich mit den Formulierungen in einer englischen Übersetzung [“Let the Right One In: A Novel” (St. Martin’s Press; Übersetzung durch Ebba Segersberg © 2007)] verglichen und fand in diesen Fällen die englische Übersetzung angenehmer zu lesen. Welche der Formulierungen näher am Originaltext sind, kann ich aber wie gesagt nicht beurteilen.
Ebenfalls irritierend fand ich, dass vereinzelt ohne erkennbaren Grund vorübergehend die Zeitform in die Gegenwart wechselte.
Zwischendurch gab es auch offensichtliche Fehler (zB Seite 110: “Er schlug sich zwar nicht” statt “Er schlug sie zwar nicht”. Der Druckfehler meiner Auflage auf Seite 594 scheint in späteren Auflagen behoben worden zu sein (Quelle: https://www.buechereule.de/wbb/thread/27167-so-finster-die-nacht-seiten-550-637/ Achtung: enthält Spoiler), allerdings waren das Einzelfälle, die mich zwar kurz ins Stolpern gebracht haben, ansonsten aber keine Auswirkungen auf das Leseerlebnis hatten.
Und der Titel? Der deutsche Titel unterscheidet sich zwar vom Original (“Låt den rätte komma in”: “Lass den Richtigen herein”), spricht mich jedoch mehr an, weshalb mich diese Änderung nicht stört, obwohl der Originaltitel natürlich besser zum Inhalt passt. Apropos nicht-zum-Inhalt-passend: Das Cover meiner Ausgabe (ein verlassenes Einfamilienhaus auf einem Berg) hat mit der Geschichte rein gar nichts zu tun.
Fazit: “So finster die Nacht” ist im Kern eine lesenswerte Vampirgeschichte, die zarten Gefühlen harte Gewalt gegenüberstellt und die Atmosphäre einer trostlosen Welt gekonnt in Szene setzt, aber leider völlig mit Nebenhandlungen und nebensächlichen Dialogen überfrachtet ist, was zu Lasten der Spannung geht. Die deutsche Übersetzung überzeugt nicht vollständig.

Triggerwarnungen
Hinweis: Die von mir angeführten Triggerwarnungen sind nicht abschließend. Wenn es über die angeführten Thematiken andere Themen gibt, die dich triggern, erkundige dich bitte stets vor dem Lesen, ob diese Inhalte in den von mir vorgestellten Büchern vorkommen.
Triggerwarnung [zum Anzeigen mit der Maus markieren]: Pädophilie aus Tätersicht; Vergewaltigung, Verstümmelung und Ermordung von Kindern; Prostitution Minderjähriger
4. Hinweis zur Rezension
Ich habe meine Ausgabe des Buches selbst gekauft und ich erhalte keinerlei Gegenleistung für diese Rezension. Ich habe keinen Auftrag zur Rezensionserstellung erhalten und habe keine Kooperation mit Autor oder Verlag und stehe mit diesen auch in sonst keiner Verbindung.
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